12 Uhr mittags Warnemünde High Noon – ohne Grace Kelly, aber mit doppeltem Avocado-Toast
„High Noon“ oder 12 Uhr Mittags so heißt der bekannte Westernfilm mit Gerry Cooper und Grace Kelly – Zwölf Uhr mittags, und die Le Champlain schiebt sich sanft in den Hafen. Kein Gedränge, kein Spektakel, keine Flotte von Kreuzfahrtriesen im Rücken. Wir sind heute das einzige Kreuzfahrtschiff hier – und das ist, ganz ehrlich, ein Privileg. Gerry Cooper und Grace Kelly? Heute nicht dabei. Macht nichts. Die Ponant-Expeditionsyacht braucht keinen Glamour-Bonus von außen.

Aber kurz zur Frage, die mich an diesem Morgen beschäftigt hat – und ich wette, ihr fragt euch das jetzt auch: Was bedeutet eigentlich Mata Utu, und was hat das mit der Le Champlain zu tun? Mata Utu ist die Hauptstadt von Wallis und Futuna, einem französischen Überseegebiet im Südpazifik mit gerade einmal rund 11.000 Einwohnern. Ponant hat seine Schiffe der Explorer-Klasse nach abgelegenen, besonderen Orten dieser Erde benannt – und so trägt die Le Champlain den Namenszusatz „Mata Utu“ als stille Hommage an diese entlegene Inselwelt. Ein Schiff, das für das Entdecken gemacht ist, benannt nach einem Ort, den die wenigsten je bereisen werden. Das passt.
Frühaufsteher werden belohnt – und zwar doppelt
Bevor Warnemünde überhaupt in Sicht kam, begann mein Tag genau so, wie er sein sollte: früh, still und mit Blick aufs Meer. Als bekennender Frühaufsteher gehöre ich zu den ersten, die sich das Early-Bird-Frühstück bei Sonnenaufgang sichern. Keine Schlange, keine Unruhe, nur das leise Summen der Maschinen und das Licht, das langsam über die Ostsee kriecht.

Danach dann – ich gebe es zu, ohne jede Reue – Avocado-Toast mit pochiertem Ei auf französische Art im Le Nautilus. Was bedeutet das konkret? Keine plumpe Brunch-Variante aus dem Bäckereicafé. Hier kommt der Toast mit seidig-cremigem Avocado-Aufstrich, einem perfekt pochierten Ei, dessen Dotter beim Anschneiden langsam fließt, verfeinert mit Kräutern und einem Hauch Säure – leicht, elegant, präzise. Und weil gut manchmal eben nicht reicht: Ich habe ein zweites bestellt. Und ich würde es sofort wieder tun.
Galettes Bretonnes – was Frankreich unter einem Crêpe versteht

Auf dem Außendeck war an diesem Morgen Live-Cooking angesagt – und ich habe mir natürlich genau erklären lassen, was da vor meinen Augen entstand. Galettes Bretonnes – das klingt erstmal nach Dessert, ist aber tatsächlich das Gegenteil: eine herzhafte Spezialität aus der Bretagne, hergestellt aus dunklem Buchweizenmehl, das von Natur aus glutenfrei ist. Anders als der süße Weizen-Crêpe hat die Galette einen leicht nussigen, erdigen Geschmack und eine rustikale Textur. Klassisch gefüllt mit Ei, Käse und Schinken – oder eben in der Schiffsversion mit Ei und Pilzen – ist sie ein vollständiges Gericht und hat mit Süßkram herzlich wenig zu tun. Die Franzosen nennen sie „complète“, wenn alle drei Hauptzutaten drin sind. Was der Koch hier meisterlich auf dem Außendeck produziert hat, war genau das: handwerklich, authentisch, weit weg von jedem Touristenklischee. Der French Touch der Ponant-Küche in Reinform.
Warnemünde: 10 Kilometer Promenade, Möwen und das beste Fischbrötchen der Ostsee

Warnemünde ist einer jener Orte, die man nicht unterschätzen sollte. Der Ostseebadeort vor den Toren Rostocks hat eine eigene Energie: breiter Sandstrand, der charakteristische rot-weiße Leuchtturm von 1898, der alte Seekanal mit seinen bunten Fischerhäusern und eine Strandpromenade, die zum Laufen einlädt. Ich habe das Angebot angenommen – und wie. Die gesamte Promenade bis zum Ende und zurück: 10 Kilometer auf der Uhr. Bewegung muss sein, gerade wenn das Abendprogramm an Bord das ist, was es verspricht.
Dazwischen: Fischbrötchen. In Warnemünde gehört das zur Pflichtübung wie der Leuchtturm selbst. Bismarckhering, Backfisch oder Matjes – die kleinen Buden am Hafen machen das seit Jahrzehnten mit einer Ernsthaftigkeit, die man respektieren muss. Die Möwen wissen das natürlich auch. Überall. Füttern verboten – aber sie versuchen es trotzdem. Mit einer Konsequenz, die man fast bewundern muss.
Captain’s Table – der Kapitän hatte andere Pläne, das Essen nicht

Der Abend im Le Nautilus hatte dann noch eine kleine Überraschung in petto: Wir durften am Captain’s Table Platz nehmen. Captain Yannick Simon selbst hatte wohl andere Verpflichtungen an diesem Abend – der Schiffsbetrieb schläft nie – aber das hat dem Dinner keinen Abbruch getan. Ganz im Gegenteil. Was auf den Tisch kam, war das, was man von einer Ponant Luxuskreuzfahrt erwartet und doch immer wieder aufs Neue schätzt: Lachsforelle, zart und präzise, und Entenbrust rosa gebraten mit einer Sauce, die einen kurz innehalten lässt. Französische Küche in ihrer entspanntesten, ehrlichsten Form.
Und dann – wer hätte das gedacht – ist ABBA auferstanden. Sängerin Nathalie Vyshnevska hat in der Main Lounge auf Deck 3 eine Performance hingelegt, die selbst die etwas betagteren Gäste von ihren Sesseln auf die Tanzfläche befördert hat. „Dancing Queen“ auf einer französischen Expeditionsyacht in der Ostsee. Manchmal muss das Leben einfach nicht mehr erklären.
Tag zwei auf der Le Champlain – Nordeuropa kann sich sehen lassen. Mehr dazu folgt. Euer Ulrich von Luxus.Kreuzfahrten.net








