sDurch die Schleuse in eine andere Welt – und direkt in einen Festtag auf See
Kiel Holtenau, kurz nach dem Frühstück. Das Schiff schiebt sich langsam in die Schleusenkammer, die Kammerwände gleiten so nah an Deck vorbei, dass man meint, man könnte sie mit ausgestreckter Hand berühren. Dann ein leises Gurgeln, der Wasserspiegel steigt, und wenige Minuten später liegt der gesamte Nord-Ostsee-Kanal vor uns – einer der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraßen der Welt und gleichzeitig einer der entspanntesten Momente, die eine Kreuzfahrt zu bieten hat.

Wer den Nord-Ostsee-Kanal – auf Englisch: Kiel Canal – noch nicht kennt, dem sei gesagt: Die Durchfahrt fühlt sich tatsächlich eher wie eine Flussreise an als wie eine klassische Seepassage. Knapp 100 Kilometer schneidet der 1895 eröffnete Kanal quer durch Schleswig-Holstein, verbindet Kieler Förde und Elbmündung und spart Schiffen die weite Umrundung Jütlands. Grüne Ufer, kleine Dörfer, Fahrradfahrer die winken, immer wieder ein Frachter der einem entgegenkommt – man glaubt fast, man sei auf einem Flusskreuzfahrtschiff irgendwo zwischen Rotterdam und Basel.

Mein Selfie-Stick sorgt für Verwirrung
Natürlich habe ich die Durchfahrt genutzt um spektakuläre Aufnahmen mit meiner Insta360 zu machen. Der wie eine Angelrute aussehende Selfie-Stick der von der Software auf den Filmen allerdings versteckt wird sorgt für Missverständnisse. Und so war es mal wieder soweit – ich wurde tatsächlich gefragt, ob ich angle. Nicht das erste Mal, und garantiert nicht das letzte. Ich nehme das sportlich. Besser ein kurioser Blick als ein verpasster Moment. Auf dem Bild – die Le Champlain oder besser die kuriose Heckansicht, so als würde man mit einen Boot hinterher fahren und von dort filmen.
Planänderung: Harlingen fällt aus – Amsterdam wartet
Nach der Durchfahrt dann die offizielle Ansage an Bord: Schlechtes Wetter zieht auf, Harlingen kann nicht angesteuert werden. Wir fahren direkt weiter nach Amsterdam – aber dafür, und das ist die gute Nachricht, legen wir zentral in der Innenstadt an. Wer Amsterdam kennt, weiß, was das bedeutet: Kaum von Bord, und man steht mitten im Herzen einer der schönsten Städte Europas.
Die Erstkreuzfahrer in unserer Gruppe haben bei der Ankündigung des schlechteren Wetters natürlich sofort schlimme Vorahnungen bekommen. Das kenne ich – jeder der zum ersten Mal auf See ist, hört das Wort „Seegang“ und denkt an das Schlimmste. Ich habe versucht zu beruhigen. Wir sind auf der Le Champlain, einem der elegantesten kleinen Expeditionsschiffe der Welt – die 131 Meter und das erfahrene Ponant-Team bringen uns sicher ans Ziel. Versprochen.
Das eigentliche Highlight des Tages: Live-Cooking auf Deck
Was dann mittags passiert ist, hat die Wettersorgen bei allen sehr schnell vergessen lassen. Im The Grill auf Deck 3 gab es Live-Cooking – und zwar auf einem Niveau, das man so auf einem Schiff einfach nicht erwartet. Im Parmesanlaib gecremte Spaghetti, dazu frisch gehobelter schwarzer Trüffel. Das Gericht kommt direkt aus dem Parmesanrad auf den Teller, cremig, aromatisch, mit dieser unverwechselbaren Wärme die ein echter Parmesan erst beim Schmelzen entwickelt. Und der Trüffel on top – es hat geduftet wie in einem toskanischen Feinschmeckerrestaurant, nicht wie auf einem Schiff mitten im Nord-Ostsee-Kanal.
Später am frühen Abend dann Ibérico Schinken, Black Label, Pata Negra – die Königsklasse unter den Schinkensorten. Luftgetrocknet, nussig, mit dieser zartschmelzenden Fettmarmorierung, die man wirklich auf der Zunge zergehen lassen muss. Einfach grandios.

Flamenco, Sangria und French Touch
Zum kulinarischen Programm gehörte selbstverständlich auch die passende Unterhaltung. Flamenco-Tänzerinnen auf dem Schiff – das klingt zunächst wie eine seltsame Kombination, aber auf der Le Champlain fügt es sich wunderbar ein. Zwei Tänzerinnen in schwarzen Kleidern, Absätze die auf dem Deck tackern, Sangria in der Hand, Ostseewind draußen – das ist der berühmte French Touch von Ponant: Stil und Leichtigkeit verbinden, ohne dass es je aufgesetzt wirkt.

Die Stimmung war perfekt, der Appetit entsprechend geweckt – und das anschließende Dinner im Le Nautilus, dem Hauptrestaurant an Bord, hat dem Tag dann die Krone aufgesetzt. Gute Gesellschaft, aufmerksamer Service, humorvolle Servicekräfte die man abends wirklich vermissen würde wenn sie nicht wären. Diese Mischung aus Herzlichkeit und Professionalität ist es, die eine Luxuskreuzfahrt mit Ponant von allem anderen unterscheidet.
Wir sind eine tolle Runde geworden

Und dann ist da noch dieses Gefühl, das sich auf kleinen Schiffen fast automatisch einstellt: Man kennt nach wenigen Tagen jeden. Unsere Gruppe hat sich wunderbar zusammengefunden – gute Laune, echte Gespräche, gemeinsames Staunen. 184 Gäste maximal, keine Warteschlangen, kein Anonymitätsgetümmel. Das ist es, was ich seit 1997 immer wieder erlebe und was mich nie aufgehört hat zu begeistern: Kleine Schiffe, große Begegnungen.
Morgen Amsterdam. Ich freue mich schon – und nicht nur wegen des Wetters, das hoffentlich mitspielt.
Euer Ulrich
an Bord der Le Champlain, irgendwo zwischen Nord-Ostsee-Kanal und Amsterdam
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